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Ein Erfahrungsbericht von Kai Menze |
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04.07.2003: Der Ritt durchs Engadin: Über 80 km/h Spitze, knapp 50 km/h im Schnitt!
St. Moritz (SUI).
Impression aus dem Engadin ,
© Stephan Repke
Bereits vor Jahren ist der Engadin-Marathon als schnellster Inline-Marathon der Welt zur Legende geworden. Und von Jahr zu Jahr scheint dieser mehr Inlineskate-Verrückte in seinen Bann zu ziehen. Breitensportler genauso wie Spitzensportler. Für mich geht die Reise von Mainz am Samstag bereits um 4.30 Uhr los. Alleine, da der Rest des Teams an diesem Wochenende auf der Deutschen Bahnmeisterschaft verweilt. Ich will mich jedoch weiterhin auf die langen Straßenrennen konzentrieren und suche daher verstärkt nach Rennen mit internationaler Konkurrenz.
Ab Chur werden die Bahnschienen schmaler. Die Fahrt mit der Schmalspurbahn führt durch enge Täler, hohe Brücken mit Alpenpanorama bis St. Moritz und ist alleine schon eine Reise wert (wenn man keine Höhenangst hat ;-)) ). Vom Bahnhof ist es nur ein Katzensprung bis zum Inline-Village, daß sich einmal mehr pompös gen Himmel reckt. Sämi erwartet mich schon am ROLLERBLADE-Stand. Ich bin mal wieder spät dran, nachdem die Bahnfahrt weit über 8 Stunden gedauert hat. Jetzt heißt es schnell umziehen, bevor mich der Mannschaftsbus zum Startpunkt nach Maloja bringt. Dort ist das Wetter angenehm, da ein kühler Wind geht. Kurze Zeit später trifft auch das ROLLERBLADE-International-Team ein und die letzten Startvorbereitungen werden getroffen.
Als sich um kurz vor 17.00 Uhr ein Helikopter dem Start nähert, weiß jeder: Der Start steht unmittelbar bevor! Mein Puls steigt. Ich glaube, daß diese Strecke eine derjenigen ist, die mir am Meisten Respekt einflöst. Einige Fahrer neben mir "bekreuzigen" sich noch. Die Stimmung ist angespannt. Ich noch viel mehr. Der Startschuß geht im lauten Motorenlärm des Helikopters beinahe unter. Der Ritt beginnt! Die Teams formieren sich und ich suche meine schweizer Kollegen, um ein wenig Unterstützung zu haben. Es fahren zwei, drei, teilweise vier "Züge" nebeneinander. Der stellenweise aufgeplatze Asphalt ist tückisch. Das Tempo ist, begünstigt durch den Maloja-Wind, höllisch schnell. Es folgen mehrere Ausreißversuche im Wechsel durch die verschiedenen Werksteams. Für den Blick auf die absolut einmalige Kulisse im Engadin, an der ich vorbei fahre, bleibt keine Zeit und es ist auch nicht ratsam, sich bei diesem Tempo und der Enge im Feld ablenken zu lassen, denn man fällt schneller (oder wird gefallen), als einem lieb ist. Die Strecke ist, bie auf einem 1 km langen Anstieg, fast ausschließlich abschüssig und ich denke mir, als wir die berüchtigten Kreisel in St. Moritz durchfahren, daß das Feld in diesem Jahr doch ein wenig mehr Respekt davor zu haben scheint.
Kurz nach St. Moritz nähert sich die Spitzengruppe dem berüchtigsten Abschnitt der Strecke. Die Abfahrt durch die Schlucht. Da links erfahrungsgemäß die wenigsten Bremsmatten liegen und diese Abfahrt bereits des öfteren das Feld gesplittet hat, entschließe ich mich, bereits frühzeitig auf die linke Spur zu wechseln und bin dann doch froh, daß ich zu Beginn der Abfahrt weit vorne im Feld bin. Die Abfahrt wird aufgrund des heftigen Maloja-Rückenwindes schnell. Sehr schnell... Absolut schnell!!!! Ich blicke kurz nach vorne und sehe, wie die "Neutralisationsflagge" in gelb geschwenkt wird. Ich merke im Vergleich
zum Vorjahr, daß mir die lange Schiene wesentlich mehr Stabilität verleiht und ich mich fast schon entspannt auf den Ritt durch die Schlucht begeben kann. Nach ein paar Sekunden mit geschätzten 80 Sachen geht es schon wieder in den Gegenhang. Der einzige Aufstieg des Rennens beginnt. Die Neutralistionsphase ist aufgehoben. Der Anstieg wird einmal mehr genutzt, um Attacken zu fahren. Das Spitzenfeld ist nach der Abfahrt noch ca. 70 Mann stark!! Am Wendepunkt angekommen geht es auf die letzten Kilometer. Ich blicke kurz nach vorne und sehe nur noch dunkle Wolken! Es wird doch nicht... Ich verdränge den Gedanken schnell wieder. Nach wenigen Kilometern durchfahren wir eine Baustelle als vor mir auf ca. einen Meter Höhe ein orange-farbener Körper horizontal vorbei fliegt. Dieser Moment spielt sich bei mir wie in Zeitlupe ab: Ein kurzer Schlag, eine lange Flugphase und dann das Geräusch von schleifenden Metall. Die Gruppe stäubt auseinander. Was war passiert? Bei der Abfahrt bei schätzungsweise 60 Stundenkilometern waren die am Asphalt fest verschraubten Begrenzungshütchen für die meisten Fahrer unsichtbar und mit einem Hindernis mitten auf der Straße rechnete zu diesem Zeitpunkt auch niemand. Wie sich später herausstellen sollte, war es der amtierende Schweizer Meister Adrian Küng (Fila Mentos), dem eines dieser Begrenzungshütchen zum Verhängnis wurde. Er konnte jedoch glücklicherweise das Rennen noch in der Verfolgergruppe beenden.
Ich hatte bereits kurz nach dem Wendepunkt mit dem Gedanken gespielt, diesen jedoch wieder verdrängt: Bloß kein Regen! Pustekuchen. Auch davon sollten wir nicht verschont bleiben. Und wie es im Engadin so üblich ist: Wenn Regen, dann richtig! Es goß in Strömen und ich betete, daß sich das Gewitter nicht mich als Blitzableiter aussuchen würde.
Und wie es bei Regen eben so ist verwandelte sich die Strecke stellenweise in eine Rutschbahn. Bei der letzten "Rechts-links-Kombination" vor dem Ziel über einen Gebirgsbach gab es noch einen Sturz fast mit Ankündigung. Auf den letzten Kilometern traf ich mit Christian Domscheid (Saab-Salomon) einen deutschen Konkurrenten und unterhielt mich ein wenig mit ihm. Ich glaube, wir dachten beide das gleiche. "Sprintest Du?", fragte ich ihn und sein Kopfschütteln gab mir die Antwort. Wir stellten uns am Ende der Spitzengruppe brav an und beobachteten, wie weiter vorne das Gerangel um die besten Ausgangspositionen im Sprint losging. Noch ein oder zwei Mal sah ich, wie ein paar Fahrer wie auf Schmierseife ausrutschten und ihrer Reise auf dem Hosenboden fortsetzten. Dann begann der Sprint um die Plätze. Arnault Giquel (Helvetia Patria Rollerblade Schweiz) war letzten Endes derjenige, der das Kunststück schaffte, als erster die Rolle über die Ziellinie zu schieben. HE IS BACK AGAIN!
Acht Sekunden später oder nach 51:18 Minuten hat auch meine Wenigkeit das "Finish" erreicht. Mein Hauptziel, im Rennen stehen zu bleiben, hatte ich bei diesem respekteinflößenden Rennen geschafft. Da konnte ich dann auch schnell wieder über meinen eingefahrenen Platz 43 wieder schmunzeln.
Nach den ersten Gratulationen an die Bestplazierten gings schnell zum Mannschaftsbus, der sich unter der Last von knapp 10 Skatern schnell aufwärmte, und anschließend zur Teamunterkunft nach St. Moritz.
Eine gelungene Siegerehrung sowie die legendäre Skaterparty im Inline-Village, über die wohl Bände geschrieben werden könnten, rundeten den Tag im Engadin ab.
Quelle: www.team-rb.de
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